Was passierte eigentlich mit Alice?

 

Sie stand am Fenster und sah der großen Limousine nach, die langsam die Straße hinunterfuhr und dann links abbog. Süffisant grinsend hob sie die rechte Hand und deutete ein winken an.

„Au revoir,“ sagte sie halblaut. „Und dass du mir ja nicht wieder kommst!“

Dann wandte sie sich dem Haus gegenüber zu. Sie konnte ihn dort am Fenster stehen sehen, auch er hatte verfolgt wie das große, schwarze Auto um die Ecke gebogen und verschwunden war. Nun stand er da, starr wie eine Statue und wirkte irgendwie verloren.

Erst nach ein paar langen, schier endlos erscheinenden Minuten blickte auch er zu ihr herüber, sah sie ihrerseits am Fenster sehen und hob kurz die Hand zum Gruß. Dann wandte er sich ab und verschwand aus ihrem Sichtfeld.

Sally nickte nachdenklich, zog die Vorhänge zu und ging in die Küche. Zufrieden griff sie nach ihrem Weinglas, nippte daran und ließ sich dann auf den Küchenstuhl fallen. Der erste Schritt war getan, nun hieß es Geduld haben. Und was wäre leichter als das? Hatte sie nicht schon bewiesen, dass sie die Geduld in Person war?



Es war gar nicht so einfach gewesen, sie loszuwerden.

Fast 24 Jahre hatte es gedauert, bis sich endlich die Gelegenheit bot. Doch als sich dann die Sache mit dem Job weit weg ergab – ein sehr lukrativer Job, grandiose Karrierechancen und eine saftige Gehaltserhöhung sowieso, hatte Sally zurückgesteckt und ihre Kollegin Alice dafür vorgeschlagen.

Natürlich waren alle sehr überrascht gewesen, denn so eine Chance würde sich garantiert kein zweites Mal ergeben. Doch Sal legte keinen Wert auf materielle Dinge, Karriere und Geld waren ihr vollkommen egal. Das Einzige was sie wollte war er. Und das einzige was zwischen ihm und ihr stand war Alice. Das war wahrlich kein Opfer, nein, es war die Chance, die Gelegenheit, es war … Schicksal!



Sally wartete zwei weitere Tage, bevor sie mit einer Flasche Wein und ihrem strahlendsten Lächeln an seine Tür klopfte.

Er holte Weingläser aus dem Schrank, entkorkte den Weißwein und goss ihn in die Gläser.

Dann saß er ihr gegenüber, starrte in die hellgelbe Flüssigkeit und schien fast schon vergessen zu haben, dass sie da war.

„Na, hat sie sich bei dir gemeldet?“ fragte sie schließlich ein wenig unbeholfen. Spöttisch sah er sie an und schwieg beharrlich. Schließlich wussten sie beide, dass sie das nicht tun würde.

Warum auch? Er hatte sie kaum gekannt. Sie war seine Nachbarin gewesen solange er denken konnte, und als Kinder hatten sie sogar zusammen gespielt. Doch darüber hinaus hatte sie ihn kaum wahrgenommen.

Ein „Guten Morgen“ hier, ein Lächeln da, doch letztendlich hatte er sich nie getraut sie anzusprechen. Nie hatte er sie um ein Date gebeten, nie hatte er sich auch nur Mehl oder Zucker von ihr geliehen. Sie hatte ihm ja nichtmal erzählt, dass sie ausziehen würde. Also?



Du musst ein bisschen hier raus kommen“, sagte Sally schließlich. „Lass uns doch morgen mal ins Kino gehen, der neue James Bond läuft morgen an, und er soll gut sein!“

Okay.“ stimmte er zu. Das klang zwar nicht besonders enthusiastisch, aber immerhin hatte er nicht nein gesagt.



Das Kino war gut besucht, was vermutlich an der Filmpremiere des Bondstreifens lag. Es war auch das einzige Kino im Umkreis vieler Meilen, und wahrscheinlich war es generell meist ausgebucht. Zum Glück hatte Sally heute morgen noch zwei Karten reservieren können.

Nun saßen im dunklen Saal und der Film lief seit ein paar Minuten. Sie teilten sich eine große Tüte Popcorn und Sal achtete darauf, dass sich ihre Hände immer wieder in der Packung trafen. Als das Knabberzeug dann alle war, stellte sie die leere Tüte auf den Boden und lehnte sich leicht an ihn. Er reagierte nicht, aber immerhin zog er seinen Arm nicht weg. Sie interpretierte das als Zustimmung und sog die Berührung mit jeder Pore auf.

Es wurde noch ein schöner Abend, nach dem Film holten sie sich noch ein Eis beim Eissalon neben an und flanierten damit über die Promenade. Die Nacht war lau, die Bewegung tat ihnen beiden gut und ehe sie es sich versahen waren sie schon durch den Park gelaufen und bogen in ihre Straße ein. Das Haus von Alice lag still und dunkel da – genau wie das seine daneben und Sally´s gegenüber. Nur dass Alice´s nun für längere Zeit still und unbewohnt bleiben würde.

Zielstrebig ging er seine Einfahrt hoch und blieb vor der Eingangstür stehen.

Oh entschuldige“ fiel es ihm plötzlich ein. „Wie unhöflich von mir – eigentlich hätte ja ich dich zu deiner Tür bringen müssen!“

Schon gut!“ sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin schon ein großes Mädchen, ich schaff das allein.“

Sie wandte sich ihm zu und ergriff seine Hände.

Das war ein sehr schöner Abend. Aber er muss noch nicht zu Ende sein. Nimmst du mich mit rein?“

Erschrocken sah er sie an.

Sally“, setze er an und entzog ihr seine Hände. „Sally, es tut mir leid. Wir sind so gute Freunde und das möchte ich niemals missen! Aber Alice … Ich liebe Alice, und das wird immer so bleiben, auch wenn sie jetzt weit weg ist. Vielleicht kann ich mich aber auch gerade deshalb nun dazu durchringen, sie anzurufen. Eigentlich habe ich ja nichts mehr zu verlieren!“



Wortlos drehte sie sich um und lief auf ihr Haus zu. Sie ließ die Tür laut hinter sich ins Schloss krachen und lehnte sich dagegen. Er sollte ihre Tränen nicht sehen, auch wenn sie erstaunt feststellte, dass es Tränen der Wut waren.

Vielleicht würde die Traurigkeit später kommen, doch momentan war sie wütend, frustriert und empört. Wie konnte er es wagen, sie dermaßen abblitzen zu lassen? Hatte sie nicht alles für ihn getan, 24 Jahre lang? Sie hatte ihn aufgebaut, wenn er deprimiert war, abgelenkt, wenn er traurig war, mit ihm gelacht, wenn es ihm gut ging. Sie hatte ihm Kuchen gebacken, die Blumen für den Geburtstag seiner Mutter besorgt und einmal hatte sie sogar seine Hemden gebügelt.

Und Alice? Alice hatte immer nur gelächelt.

Ich werde mich nie daran gewöhnen, nicht mehr neben Alice zu wohnen“ äffte sie ihn nach.



Der Kerl hatte sie doch gar nicht verdient. Sollte er doch seine Alice anrufen! Ha, er hatte doch ihre Nummer gar nicht, der Versager! Vermutlich würde er ohnehin nur ins Telefon stammeln und keinen vollständigen Satz aus dem Mund kriegen. Was genau hatte ihr eigenlich so an ihm gefallen? Sie wusste es nicht mehr.

Ihr Blick fiel auf den Messerblock auf dem Küchentresen. Gedankenverloren zog sie das große Fleischmesser aus dem Block und begann es über den Schleifstein zu ziehen.

Who the fuck war schon Alice?

























 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.